Frühe Neuzeit
Die Frühe Neuzeit der Philosophie (ca. 1500–1800) bezeichnet die Epoche zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert. Sie bricht mit der Scholastik, etabliert Rationalismus und Empirismus als gegensätzliche Erkenntnislehren und endet mit Kants kritischer Synthese.
Historische Entwicklung und Periodisierung
Die Frühe Neuzeit der Philosophie umfasst grob die Jahre 1500 bis 1800 und verläuft entlang vier ineinandergreifender Phasen: Renaissance-Humanismus (14.–16. Jahrhundert), Wissenschaftliche Revolution und Rationalismus (17. Jahrhundert), Britischer Empirismus (späteres 17. bis 18. Jahrhundert) sowie Aufklärung (18. Jahrhundert). Sie folgt dem Mittelalter nach und endet mit Kants Tod 1804 — der konventionellen Markierung des Übergangs zum 19. Jahrhundert. Der Beginn wird in der Forschung unterschiedlich datiert: enger gefasst beginnt die Periode "with René Descartes" im frühen 17. Jahrhundert, weiter gefasst schon mit dem Humanismus des 15. Jahrhunderts.
Charakteristisch für die Epoche ist die Ablösung der scholastisch-aristotelischen Tradition. Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse seit Kopernikus, Kepler und Galilei sowie mathematisch-deduktive Methoden zwingen die Philosophie, ihre Grundlagen neu zu legen. Die Renaissance rückt das Individuum ins Zentrum, die Reformation bricht die religiöse Einheit Europas auf, und die Wissenschaftliche Revolution etabliert ein neues Wissensideal.
Renaissance-Humanismus
Der Humanismus richtet den Blick zurück auf die Antike und entdeckt zugleich den Menschen als autonomes Subjekt. Francesco Petrarca gilt als Begründer; Pico della Mirandola formuliert in der Rede über die Würde des Menschen die Freiheit zur Selbstgestaltung. Marsilio Ficino erneuert in der Florentinischen Akademie den Platonismus. Erasmus von Rotterdam übt einen christlich-humanistischen Kirchenkritizismus, Niccolò Machiavelli trennt politische Analyse von moralischer Verklärung (Il Principe), und Giordano Bruno entwirft ein unendliches, pantheistisches Universum, für das er 1600 als Ketzer verbrannt wird.
Wissenschaftliche Revolution und Rationalismus
Mit dem 17. Jahrhundert verschiebt sich das Schwergewicht auf die Frage, wie sichere Erkenntnis überhaupt möglich ist. Die SEP fasst die Wissenschaftliche Revolution als "the achievements of the period from Copernicus to Newton, including such luminaries as Kepler, Galileo, Bacon, Descartes, Huygens, Boyle, and Leibniz".
Der kontinentale Rationalismus antwortet darauf mit der These, dass Erkenntnis in der Vernunft (ratio) gründet, nicht primär in der Sinneserfahrung. Drei Hauptthesen stehen dahinter: die Intuition/Deduktion-These, die Lehre von angeborenem Wissen und die Lehre angeborener Begriffe. Die rationalistischen Systeme modellieren sich nach geometrischer Deduktion — ausgehend von Definitionen und selbstevident wahren Axiomen.
- rene-descartes (1596–1650) — methodischer Zweifel, Cogito ergo sum, Leib-Seele-Dualismus, Gott als Garant der Erkenntnis
- Baruch de Spinoza (1632–1677) — Deus sive Natura, Substanzmonismus, strikter Determinismus
- Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) — Monadologie, prästabilierte Harmonie, "beste aller möglichen Welten"
Britischer Empirismus
Parallel und zunehmend in Opposition zum Rationalismus formiert sich der britische Empirismus. Seine Grundthese lautet, dass "all knowledge has its origin in experience" — Sinneserfahrung ist die einzige legitime Erkenntnisquelle.
- Francis Bacon (1561–1626) — induktive Methode, Kritik der scholastischen "Idole", Wissen als Macht
- John Locke (1632–1704) — Geist als tabula rasa, alle Ideen aus Erfahrung; politische Philosophie mit Naturrechten und Gewaltenteilung
- George Berkeley (1685–1753) — esse est percipi, immaterialistischer Idealismus
- David Hume (1711–1776) — radikaler Empirismus, Kausalität als Gewohnheit, Skepsis gegenüber Metaphysik und Religion
Die Klassifikation in zwei strikte Lager ist in der Forschung umstritten: Descartes hatte empiristische Neigungen, und Locke akzeptierte die Intuition/Deduktion-These für Mathematik und Moral.
Aufklärung
Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bündelt die rationalistische wie die empiristische Tradition zu einer breiten gesellschaftlichen Bewegung. Sie tritt als "rationalistische Emanzipationsbewegung des Bürgertums" auf, kritisiert Absolutismus und kirchliche Autorität, fordert Menschenrechte, Gewaltenteilung und Verfassungen. Die Forschung unterscheidet eine radikale Variante, die für Demokratie, individuelle Freiheit und Religionskritik eintritt, von einer gemäßigten Variante, die einen Ausgleich mit bestehenden Mächten sucht.
Wichtige Denker sind Voltaire (Religionskritik, Toleranz), Jean-Jacques Rousseau (Gesellschaftsvertrag, volonté générale), Montesquieu (Gewaltenteilung), sowie Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert mit der Encyclopédie als Systematisierung allen Wissens.
Kantische Wende
Immanuel Kant (1724–1804) markiert den Endpunkt der Frühen Neuzeit. Seine Kritik der reinen Vernunft (1781) verbindet rationalistische und empiristische Elemente in einer Transzendentalphilosophie: Erkenntnis braucht sowohl Anschauung (empirisch) als auch Begriff (rational). Kants Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen sowie zwischen a priori und a posteriori sortiert die zentralen Streitfragen neu. Mit Kant endet die klassische Periode; sein Werk eröffnet zugleich den Deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts.
Wirkungsgeschichte
Die Frühe Neuzeit prägt das moderne Selbstverständnis von Wissenschaft, Politik und Subjektivität. Die Trennung von Naturwissenschaft und Philosophie, die Vorstellung individueller Naturrechte, die Idee einer säkularen Vernunftbegründung von Moral und Recht sowie das Bild des autonomen Subjekts gehen wesentlich auf diese Periode zurück. Die Spannung zwischen Rationalismus und Empirismus strukturiert die nachfolgende Erkenntnistheorie bis in die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Verwandte Konzepte
- Erkenntnistheorie
- Aufklärung
- Metaphysik
- Methodischer Zweifel
- Empirische Methode
Quellen
- Peter Markie, "Rationalism vs. Empiricism", Stanford Encyclopedia of Philosophy. https://plato.stanford.edu/entries/rationalism-empiricism/ (SEP)
- Thomas Nickles, "Scientific Revolutions", Stanford Encyclopedia of Philosophy. https://plato.stanford.edu/entries/scientific-revolutions/ (SEP)
- "Continental Rationalism", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/cont-rat/ (IEP)
- Patrick J. Connolly, "John Locke", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/locke/ (IEP)
- "Philosophie der Neuzeit", Wikipedia (DE). https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_Neuzeit (Wikipedia DE)
- "Early modern philosophy", Wikipedia (EN). https://en.wikipedia.org/wiki/Early_modern_philosophy (Wikipedia EN)
- Armand Maurer, "Western philosophy — Modern philosophy", Encyclopædia Britannica. https://www.britannica.com/topic/Western-philosophy (Britannica)
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