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Empirismus

Empirismus ist die erkenntnistheoretische Position, dass alle gehaltvolle Erkenntnis aus der Sinneserfahrung stammt. Klassisch ausgeprägt im britischen Empirismus (Locke, Berkeley, Hume) bildet er den Gegenpol zum kontinentalen Rationalismus und prägt bis heute die Wissenschaftsphilosophie.

Begriffsfeld und Kernthesen

Der Empirismus gehört in die Erkenntnistheorie und macht Wissen, Begriffe und Überzeugungen vom Durchgang durch die innere oder äußere Sinneserfahrung abhängig. Häufig zitiert wird die scholastische Formel nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu — nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. Empiristen leugnen damit nicht die Rolle der Vernunft beim Erkennen, bestreiten aber, dass es ein rein rationales, von Erfahrung unabhängiges Wissen über die Welt gibt (SEP, Rationalism vs. Empiricism; Wikipedia DE, Empirismus).

Die Auseinandersetzung dreht sich nach Peter Markie in der Stanford Encyclopedia of Philosophy um drei Thesen, die Rationalisten bejahen und Empiristen abweisen: die Intuitions-/Deduktions-These, die These vom angeborenen Wissen und die These angeborener Begriffe. Empiristen halten dagegen, dass sich der jeweils relevante Wissens- und Begriffsbestand erfahrungsmäßig erwerben lässt. Die IEP fasst diesen gemeinsamen Nenner als „Lockean Axiom" zusammen: Es gibt keine Idee im Geist, die sich nicht auf eine konkrete Erfahrung zurückführen ließe (IEP, British Empiricism).

Hauptvertreter

Der britische Empirismus bildet die historisch wirkmächtigste Tradition. Francis Bacon (1561–1626) liefert die methodologische Vorlage. In seinem Novum Organum führt er die Lehre von den vier idola ein — systematische Erkenntnishindernisse, die jeder Erfahrungswissenschaft im Weg stehen: idola tribus (allgemein-menschliche Wahrnehmungs- und Wunsch-Verzerrungen), idola specus (individuelle Prägungen durch Herkunft, Bildung, Charakter), idola fori (Missverständnisse durch mehrdeutige oder leere Sprache des Marktes) und idola theatri (durch überlieferte Philosophien aufgenommene Lehrsysteme, die wie Bühnenstücke wirken). Bacons induktives Verfahren steigt nicht in einem Sprung zu allgemeinen Prinzipien, sondern arbeitet sich schrittweise von gesicherter Beobachtung zu Axiomen mittlerer Reichweite vor und prüft jede Stufe an der Erfahrung. Dieses Programm einer methodisch disziplinierten, idol-bereinigten Erfahrungswissenschaft bildet die methodologische Grundlage, auf der Locke und Hume später ihre erkenntnistheoretischen Analysen aufbauen (IEP, Francis Bacon).

John Locke (1632–1704) formuliert im Essay Concerning Human Understanding die paradigmatische empiristische Erkenntnislehre: Der Geist beginnt als tabula rasa, eine leere Tafel, auf die die Erfahrung schreibt. Locke unterscheidet zwei Erfahrungsquellen — Sensation (Wahrnehmung äußerer Dinge) und Reflexion (innere Wahrnehmung mentaler Operationen). Aus den so empfangenen einfachen Ideen baut der Verstand komplexe Ideen zusammen. Locke unterscheidet ferner primäre Qualitäten (Ausdehnung, Festigkeit, Gestalt, Bewegung), die den Dingen unabhängig vom Wahrnehmenden zukommen, von sekundären Qualitäten (Farben, Tönen, Gerüchen), die nur Vermögen in den Dingen sind, in uns Empfindungen zu erzeugen (SEP, John Locke).

George Berkeley (1685–1753) radikalisiert die empiristische Position zum subjektiven Idealismus: Da sich primäre Qualitäten nicht von sekundären trennen lassen und beide nur als Wahrnehmungen zugänglich sind, gilt esse est percipi — Sein ist Wahrgenommenwerden. Materie als unwahrgenommene Substanz ist eine leere Annahme.

David Hume (1711–1776) treibt den Empirismus in den methodischen Skeptizismus. Im Treatise of Human Nature unterscheidet er impressions (lebhafte Eindrücke der Sinne und Affekte) und ideas (blassere Kopien davon im Denken). Alle einfachen Ideen müssen sich auf zugrundeliegende Eindrücke zurückführen lassen; Begriffe ohne solche Eindrucks-Basis sind leer (SEP, David Hume).

Humes Radikalisierung: Kausalität, Induktion, Selbst

Hume zeigt, dass drei Grundpfeiler vorkritischer Metaphysik empirisch nicht einzuholen sind:

  • Kausalität: In der Erfahrung lässt sich keine notwendige Verknüpfung von Ursache und Wirkung wahrnehmen, sondern nur regelmäßige Aufeinanderfolge. Unsere Erwartung kausalen Zusammenhangs beruht auf Gewohnheit (custom), nicht auf einer einsehbaren Notwendigkeit.
  • Induktionsproblem: Schlüsse vom Beobachteten auf das Unbeobachtete setzen die Gleichförmigkeit der Natur voraus; diese Voraussetzung kann selbst nur durch induktive Schlüsse gestützt werden — ein zirkulärer Begründungsversuch.
  • Ich-Problem: Eine einheitliche Substanz „Ich" lässt sich introspektiv nicht auffinden. Hume beschreibt das Selbst als bundle of perceptions, ein Bündel wechselnder Wahrnehmungen ohne dahinterstehende Substanz. Diese Bündel-Theorie wird im 20. Jahrhundert in [[parfit|Derek Parfits]] Reductionism explizit fortgeführt: Personale Identität reduziert sich auf psychologische und physische Kontinuitäten, ohne dass es ein weiteres metaphysisches Ich-Faktum darüber hinaus gäbe (SEP, Personal Identity).

Konsequenter Empirismus mündet so in einen mitigated scepticism: ein methodisches Misstrauen gegenüber jeder Erkenntnis, die nicht auf Eindrücke und Beobachtung zurückführbar ist (SEP, David Hume; Wikipedia DE, Empirismus).

Empirismus und Rationalismus

Die schulmäßige Gegenüberstellung „britischer Empirismus versus kontinentaler Rationalismus" (Descartes, Spinoza, Leibniz auf der einen, Locke, Berkeley, Hume auf der anderen Seite) wurde im 19. Jahrhundert kanonisch. Sie ist instruktiv, aber idealtypisch: Locke akzeptiert in Bezug auf mathematisches und moralisches Wissen Elemente, die rationalistischen Prinzipien näherstehen, und Leibniz polemisiert in den Nouveaux essais direkt gegen Lockes Anti-Innatismus. Die Streitfrage ist nicht „Erfahrung oder Vernunft", sondern in welchem Umfang und mit welcher Beweislast Erfahrung als Erkenntnisquelle hinreicht (SEP, Rationalism vs. Empiricism).

Wirkung: Kant, Logischer Empirismus, moderne Wissenschaftsphilosophie

Der Empirismus prägt die nachfolgende Philosophie auf drei Ebenen.

Immanuel Kant bezeichnet rückblickend Humes Skeptizismus als jenen Anstoß, der ihn „aus dem dogmatischen Schlummer" weckte. Kants Antwort in der Kritik der reinen Vernunft — synthetische Urteile a priori, die Erfahrung erst ermöglichen — versucht, die empiristische Forderung nach erfahrungsbezogener Erkenntnis mit der rationalistischen Anerkennung notwendiger Strukturen zu vermitteln (Wikipedia DE, Empirismus).

Im frühen 20. Jahrhundert formuliert der Wiener Kreis um Moritz Schlick und Rudolf Carnap, gemeinsam mit Otto Neurath, den Logischen Empirismus. Er kombiniert die empiristische Sinnestheorie mit der modernen Logik und führt das Verifikationsprinzip ein: Sinnvolle Aussagen sind nur jene, die sich auf Erfahrung zurückführen oder logisch-mathematisch beweisen lassen. Metaphysik im klassischen Sinne gilt als kognitiv leer.

Die moderne Wissenschaftsphilosophie — von Karl Popper über Willard Van Orman Quine bis zu pragmatistischen Empiristen wie Bas van Fraassen — verarbeitet sowohl Humes Induktionsproblem als auch die Grenzen des Verifikationsprinzips weiter. Sie hält dabei am empiristischen Grundsatz fest, dass Theorien sich an der Erfahrung bewähren müssen.

Verwandte Konzepte

  • Rationalismus
  • Erkenntnistheorie
  • Aufklärung
  • Empirische Methode
  • Skeptizismus

Quellen

  1. Markie, Peter & M. Folescu: Rationalism vs. Empiricism. Stanford Encyclopedia of Philosophy, substantive revision 2021. https://plato.stanford.edu/entries/rationalism-empiricism/
  2. Uzgalis, William: John Locke. Stanford Encyclopedia of Philosophy, substantive revision 2022. https://plato.stanford.edu/entries/locke/
  3. Morris, William Edward & Charlotte R. Brown: David Hume. Stanford Encyclopedia of Philosophy, substantive revision 2023. https://plato.stanford.edu/entries/hume/
  4. Olson, Eric T.: Personal Identity. Stanford Encyclopedia of Philosophy, substantive revision 2023. https://plato.stanford.edu/entries/identity-personal/
  5. British Empiricism. Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/british-empiricism/
  6. Simpson, David: Francis Bacon. Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/bacon/
  7. Wikipedia-Autoren: Empirismus. Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Empirismus

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