Person · 20. Jahrhundert
Willard Van Orman Quine
geboren 1908 · gestorben 2000 · Akron (Ohio, USA)
Willard Van Orman Quine (1908–2000) war ein US-amerikanischer Philosoph und Logiker, der die analytische Philosophie nach 1950 prägte. Er kritisierte die analytisch-synthetisch-Unterscheidung, entwickelte die Übersetzungsunbestimmtheit und die naturalisierte Erkenntnistheorie.
Akademischer Werdegang und intellektuelles Umfeld
Quine wurde am 25. Juni 1908 in Akron, Ohio, geboren und studierte zunächst Mathematik und Philosophie am Oberlin College (B.A. 1930). Anschließend promovierte er 1932 an der Harvard University mit einer Arbeit zur formalen Logik unter Alfred North Whitehead. Ein einjähriges Auslandsstipendium führte ihn 1932/33 nach Wien, Prag und Warschau, wo er Rudolf Carnap, Kurt Gödel, Moritz Schlick, Alfred Tarski und Stanislaw Leśniewski traf. Diese Begegnungen mit dem [[wiener-kreis|Wiener Kreis]] und der polnischen Logiker-Schule prägten Quines technisches Selbstverständnis nachhaltig — auch wenn er später zentrale Annahmen des logischen Empirismus verwarf.
1936 trat Quine in die Harvard-Fakultät ein, an der er bis zu seiner Emeritierung 1978 lehrte (Edgar-Pierce-Professor ab 1956). Während des Zweiten Weltkriegs diente er 1942–1945 im Marine-Geheimdienst der US Navy. Quine verbrachte praktisch seine gesamte akademische Laufbahn an Harvard und starb am 25. Dezember 2000 in Boston.
Kritik der analytisch-synthetisch-Unterscheidung
In Two Dogmas of Empiricism (1951, wieder abgedruckt in From a Logical Point of View, 1953) attackiert Quine zwei Grundannahmen des logischen Empirismus: die scharfe Trennung zwischen analytischen Sätzen (wahr aus Bedeutung) und synthetischen Sätzen (wahr aus Erfahrung) sowie den Reduktionismus, demzufolge jeder bedeutungsvolle Satz auf reine Sinneserfahrung zurückführbar sei. Quine argumentiert, dass jede Definition der Analytizität entweder zirkulär oder auf ihrerseits unklare Begriffe (Synonymie, Notwendigkeit, Bedeutung) angewiesen ist.
Statt einer atomistischen Bestätigungstheorie vertritt Quine den Konfirmations-Holismus: Theorien werden nur als ganze Systeme mit der Erfahrung konfrontiert, nicht Satz für Satz (Quine-Duhem-These). Bei Konflikt mit Beobachtung lässt sich jeder einzelne Satz durch Anpassung anderer Teile des Netzes („web of belief") gegen Widerlegung immunisieren. Dieser Aufsatz gilt als eine Gründungsschrift der analytischen Philosophie nach 1950.
Übersetzungsunbestimmtheit und Bedeutungstheorie
In Word and Object (1960) entwickelt Quine das Gedankenexperiment der radikalen Übersetzung. Ein Feldlinguist beobachtet einen Sprecher einer unbekannten Sprache: Ein Hase huscht vorbei, der Eingeborene äußert „gavagai". Quines These: Selbst bei vollständiger Kenntnis aller verfügbaren Verhaltensdaten lässt sich nicht entscheiden, ob „gavagai" für Hasen, für unabgetrennte Hasenteile, für Hasen-Stadien oder für die Hasenheit steht. Diese Unbestimmtheit ist nicht epistemisch, sondern prinzipiell — es gibt keinen objektiven Sachverhalt, der die Bedeutungsfrage entscheidet („no fact of the matter"). Quine zieht daraus die Konsequenz, dass Bedeutung sich auf beobachtbares Sprachverhalten reduzieren lassen muss; ein nicht-behavioristischer Mentalismus der Bedeutung ist für ihn nicht haltbar.
Eng verknüpft ist die These der ontologischen Relativität (Ontological Relativity, 1969): Bezugnahme („reference") ist nur relativ zu einem Hintergrund-Koordinatensystem oder einer Übersetzungshandbuch-Wahl bestimmbar.
Ontologisches Engagement und Naturalisierte Erkenntnistheorie
Bereits in On What There Is (1948) formuliert Quine sein Kriterium ontologischer Verpflichtung: „To be is to be the value of a [bound] variable." Was es gemäß einer Theorie gibt, sind die Werte, über die ihre Quantoren laufen, sofern die Theorie in eine kanonische Notation der Prädikatenlogik erster Stufe übersetzt wird. Quine akzeptiert auf dieser Grundlage konkrete physische Objekte sowie abstrakte Mengen (für die Mathematik), nicht aber Intensionen, Eigenschaften oder Bedeutungen als Entitäten eigener Art.
Im Aufsatz Epistemology Naturalized (1969) zieht Quine den methodischen Schluss: Die Erkenntnistheorie sollte als Kapitel der empirischen Psychologie betrieben werden und untersuchen, wie aus Sinnesreizungen wissenschaftliche Theorie entsteht. Cartesische Letztbegründung und ein autonomes „first philosophy"-Projekt verwirft Quine. Philosophie und Wissenschaft sind kontinuierlich; es gibt keine privilegierte philosophische Außenperspektive auf die Wissenschaft.
Wichtige Werke
- A System of Logistic (1934)
- Mathematical Logic (1940)
- Methods of Logic (1950)
- From a Logical Point of View (1953, enthält Two Dogmas of Empiricism, 1951)
- Word and Object (1960)
- Set Theory and Its Logic (1963)
- Ontological Relativity and Other Essays (1969)
- The Web of Belief (mit J. S. Ullian, 1970)
- The Roots of Reference (1974)
- Pursuit of Truth (1990)
- From Stimulus to Science (1995)
Wirkungsgeschichte
Quines Programm strukturierte die analytische Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Donald Davidson übernahm und radikalisierte die Übersetzungsunbestimmtheit für seine Theorie der radikalen Interpretation. Hilary Putnam griff Quines holistische Wissenschaftstheorie auf, kritisierte später jedoch dessen Behaviorismus in der Bedeutungstheorie. Die naturalisierte Erkenntnistheorie wurde in unterschiedlichen Spielarten von Hilary Kornblith und Alvin Goldman fortgeführt. Auf der Gegenseite formulierten Paul Grice und P. F. Strawson („In Defense of a Dogma", 1956) eine einflussreiche Verteidigung der analytisch-synthetisch-Unterscheidung. Quines Brückenfunktion zum klassischen amerikanischen Pragmatismus machte ihn zugleich zu einer zentralen Figur in der pragmatistischen Renaissance der späten 20. Jahrhunderts.
Verwandte Konzepte und Personen
- Bertrand Russell — Vorläufer in Logik und Sprachanalyse
- Analytische Philosophie
- Pragmatismus
- Logik
- Sprachanalyse
Quellen
- Hylton, Peter; Kemp, Gary: Willard Van Orman Quine, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2023. https://plato.stanford.edu/entries/quine/ (SEP)
- Rocknak, Stefanie: Willard Van Orman Quine: The Analytic/Synthetic Distinction, in: Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/quine/ (IEP)
- Willard Van Orman Quine, Wikipedia (DE). https://de.wikipedia.org/wiki/Willard_Van_Orman_Quine (Wikipedia DE)
- Willard Van Orman Quine — American philosopher, Encyclopaedia Britannica. https://www.britannica.com/biography/Willard-Van-Orman-Quine (Britannica)
Hinweise & Korrekturen
Noch keine Kommentare. Sei die erste Stimme.