Philosophie verstehen — Wiki + Magazin
DeinMojo
Porträt · 4:5ALBERT CAMUS

Person · 20. Jahrhundert

Albert Camus

geboren 1913 · gestorben 1960 · Mondovi (Algerien)

Französisch-algerischer Schriftsteller und Philosoph (1913–1960), Nobelpreisträger 1957. Begründer einer Philosophie des Absurden und der Revolte: Aus der Kluft zwischen Sinnverlangen und schweigendem Universum folgt nicht Verzweiflung, sondern luzide Auflehnung.

Biographische Stationen

Albert Camus wurde am 7. November 1913 in Mondovi (heute Dréan) im damaligen französischen Algerien geboren. Sein Vater Lucien Camus, ein Landarbeiter mit französischen Wurzeln, fiel 1914 im Ersten Weltkrieg; seine Mutter, eine teilweise taubstumme Spanierin, zog Albert und seinen älteren Bruder in einer Arbeiterwohnung im Stadtteil Belcourt von Algier groß. Diese Pied-noir-Herkunft — französische Siedler in Algerien — prägte ihn lebenslang.

An der Universität Algier studierte Camus Philosophie unter Jean Grenier und schloss 1936 mit dem Diplôme d'études supérieures ab. Seine Abschlussarbeit verglich die spätantike Metaphysik des Plotin mit dem Christentum [[augustinus|Augustins]] und zeigte sein lebenslanges Interesse an der nordafrikanischen geistesgeschichtlichen Tradition. Eine wiederkehrende Tuberkulose-Erkrankung verhinderte die Universitätslaufbahn.

Camus arbeitete ab 1938 als Reporter bei Alger républicain und dokumentierte koloniale Missstände in der Kabylei. Während der deutschen Besatzung schloss er sich der Résistance an, redigierte ab 1943 die Untergrundzeitung Combat und wurde nach der Befreiung deren Chefredakteur. Am 4. Januar 1960 starb er im Alter von 46 Jahren bei einem Autounfall nahe Villeblevin; im Wagen Michel Gallimards fand sich das unfertige Manuskript von Le Premier Homme.

Philosophie des Absurden

Im Mythos des Sisyphos (Le Mythe de Sisyphe, 1942) formulierte Camus die These, das einzig ernsthafte philosophische Problem sei der Selbstmord. Das Absurde benannte er als metaphysische Spannung zwischen dem menschlichen Sinnverlangen und einem schweigenden, gleichgültigen Universum. Diese Kluft ist nicht aufhebbar — wer sie zu schließen versucht, verrät entweder die Welt oder den eigenen Verstand.

Camus identifizierte drei mögliche Reaktionen auf das Absurde: den physischen Selbstmord, den er als Kapitulation ablehnte; den philosophischen Selbstmord — den Sprung in religiösen Glauben oder transzendente Systeme, wie er ihn bei [[soeren-kierkegaard|Kierkegaard]] und Schestow erkannte und als intellektuelle Unredlichkeit zurückwies; und drittens die Revolte als luzide Annahme der Absurdität ohne Hoffnung. Sisyphos, der seinen Stein ewig den Berg hinaufrollt, wird zur Figur dieser dritten Haltung: „Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen."

In den Begleitwerken dieses Zyklus — dem Roman Der Fremde (L'Étranger, 1942) und dem Drama Caligula (1944) — verkörpert Meursault die Absurd-Erfahrung als emotionale Distanz und Caligula das nihilistische Versagen einer Freiheit ohne Maß.

Revolte als ethisches Prinzip

Der Mensch in der Revolte (L'Homme révolté, 1951) verlängert das absurdistische Denken in die politische Ethik. Aus dem individuellen Absurd-Erlebnis leitet Camus die Formel „Ich rebelliere, also sind wir" ab: Wer gegen eine Erniedrigung aufbegehrt, beruft sich auf eine geteilte menschliche Würde, die das eigene Schicksal übersteigt. Revolte ist damit nicht egoistisch, sondern solidarisch.

Zentral ist Camus' Unterscheidung zwischen Revolte und Revolution: Die Revolte wahrt die Mitte, hält die Spannung zwischen Empörung und Maß aus und akzeptiert menschliche Grenzen. Die Revolution dagegen — exemplifiziert am jakobinischen Terror, an Hegels Geschichtsphilosophie und am stalinistischen Marxismus — opfert Gegenwärtige für ein utopisches Künftiges und rechtfertigt Gewalt durch historische Notwendigkeit. Camus liest die Geschichte der politischen Moderne als Geschichte einer messianischen Versuchung, die das Absurde durch Ideologie auflösen will und genau dadurch totalitär wird.

Diese Position trennt Camus vom [[existenzialismus|Existenzialismus]] Sartres. Wo Sartre die Devise „Existenz vor Essenz" vertritt und revolutionäre Gewalt als historisch legitimierbar denkt, beharrt Camus auf einer überpolitischen menschlichen Natur als Maß — eine implizit kantianische Linie. Sein Atheismus ist humanistisch grundiert: „Etwas in dieser Welt hat Bedeutung — der Mensch."

Bruch mit Sartre 1952

Im August 1952 erschien in Les Temps Modernes eine vernichtende Rezension von L'Homme révolté durch Francis Jeanson, die Camus' Anti-Stalinismus als unhistorisch und politisch naiv brandmarkte. Camus antwortete in einem offenen Brief an Sartre als Herausgeber; Sartre konterte mit einer scharfen Erwiderung. Die Freundschaft, die seit 1943 bestand und durch L'Étranger und Le Mythe de Sisyphe — beide von Sartre öffentlich gewürdigt — befördert worden war, zerbrach öffentlich.

Der Bruch hatte philosophische und politische Seiten: philosophisch wies Sartre Camus' überhistorische Menschen-Essenz zurück, politisch verteidigte er die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt gegen Camus' Position einer „Revolte ohne Revolution". Im Kontext des Kalten Krieges wurde Camus damit von der Pariser linken Intelligenz isoliert — eine Isolation, die er in La Chute (1956) literarisch verarbeitete.

Algerienkrieg und die „Zivile Waffenruhe"

Camus' Position im Algerienkrieg (1954–1962) ist die umstrittenste seiner Biographie. Als pied-noir, der Algerien als Heimat und nicht als Kolonie empfand, lehnte er sowohl die französische Kolonialgewalt als auch den Terror des FLN gegen die Zivilbevölkerung ab — letzterer traf auch seine eigene Familie in Algier.

Im Januar 1956 reiste er nach Algier und schlug öffentlich eine Trêve civile — eine zivile Waffenruhe — vor: Beide Seiten sollten zumindest die zivilen Opfer schonen, während über eine politische Lösung verhandelt werde. Der Vorschlag scheiterte am Widerstand beider Lager. Camus zog sich danach öffentlich zurück; in den Chroniques algériennes (1958) verteidigte er sein Schweigen als Verweigerung beider extremen Lager. Sein berühmter Ausspruch, fälschlich oft als „Ich wähle meine Mutter über die Gerechtigkeit" zitiert, lautet im Stockholmer Originalkontext (1957) sinngemäß: „Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber ich werde meine Mutter vor der Gerechtigkeit verteidigen." Edward Said und andere postkoloniale Kritiker werfen Camus die weitgehende Abwesenheit arabischer Figuren in seinen Romanen vor; Verteidiger verweisen auf seine frühen Reportagen zur Kabylei (1939) und die Chroniques als belegbare Anti-Kolonial-Schriften.

Werke und Wirkung

Camus selbst gliederte sein Werk in drei Zyklen: den Absurd-Zyklus (L'Étranger 1942, Le Mythe de Sisyphe 1942, Caligula 1944), den Revolte-Zyklus (La Peste 1947, L'Homme révolté 1951, Les Justes 1949) und einen Liebes-Zyklus unter dem Vorzeichen der Versöhnung, der mit dem postum 1994 veröffentlichten Romanfragment Le Premier Homme unvollendet blieb. La Chute (1956) und der Erzählungsband L'Exil et le Royaume (1957) lassen sich zwischen den Zyklen verorten.

1957 erhielt Camus mit 43 Jahren den Nobelpreis für Literatur „für sein bedeutendes literarisches Werk, das mit hellsichtigem Ernst die Probleme des menschlichen Gewissens unserer Zeit beleuchtet". Er war einer der jüngsten Preisträger der Geschichte. Seine Nachwirkung reicht von der literarischen Moderne (Camus als Begründer des Absurden im Theater zusammen mit Beckett und Ionesco) über die politische Theorie (Edgar Morin, Tzvetan Todorov, Václav Havel berufen sich auf die Revolte-Konzeption) bis in die zeitgenössische Moralphilosophie.

Verwandte Themen

  • [[absurdismus]] — Camus' zentraler philosophischer Begriff
  • Existenzphilosophie — verwandt, aber von Camus selbst zurückgewiesen
  • Friedrich Nietzsche — wichtigster philosophischer Vorgänger
  • Jean-Paul Sartre — Freund und späterer Gegner
  • Sinnfrage — Camus' Ausgangsproblem
  • Ethik — Revolte als moralisches Maß

Quellen

  1. Ronald Aronson, „Albert Camus", Stanford Encyclopedia of Philosophy, zuletzt aktualisiert 13. Dezember 2021. https://plato.stanford.edu/entries/camus/ (SEP)
  2. „Albert Camus", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/camus/ (IEP)
  3. „Albert Camus", Wikipedia (Deutsch), abgerufen 29.05.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Camus (Wikipedia DE)
  4. John Cruickshank, „Albert Camus", Encyclopædia Britannica. https://www.britannica.com/biography/Albert-Camus (Britannica)

Hinweise & Korrekturen

Noch keine Kommentare. Sei die erste Stimme.

Eigenen Kommentar schreiben

Albert Camus — Absurdes Dasein und Revolte