20. Jahrhundert
Die Philosophie des 20. Jahrhunderts (1900–2000) zerfällt in zwei Hauptströmungen: die kontinentale Tradition mit Phänomenologie, Existenzphilosophie, Hermeneutik und Kritischer Theorie sowie die analytische Tradition mit Sprachanalyse, logischem Positivismus und Wissenschaftstheorie.
Historische Entwicklung und Kontext
Die Philosophie des 20. Jahrhunderts entfaltet sich vor dem Hintergrund tiefer Brüche: zwei Weltkriege, der Aufstieg totalitärer Regime, der Holocaust, die Atomwaffe sowie die wissenschaftlichen Revolutionen durch Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Psychoanalyse prägen das Denken nachhaltig. Die deutschsprachige Wikipedia spricht von einer „starken Heterogenität der philosophischen Strömungen" und betrachtet den Zweiten Weltkrieg als eine entscheidende Zäsur, nach der die Vertreibung europäischer Intellektueller die Schwerpunkte verschiebt — insbesondere des Logischen Empirismus nach Nordamerika. Mit dem Jahrhundertende sind die meisten bedeutenden Stimmen an Universitäten angesiedelt; die Philosophie professionalisiert sich und richtet sich zunehmend an Fachpublika statt an eine breite Öffentlichkeit.
Abgrenzung: kontinentale und analytische Tradition
Die zentrale Selbstbeschreibung des Jahrhunderts ist die nach dem Zweiten Weltkrieg gefestigte Unterscheidung in analytische und kontinentale Philosophie. Die analytische Tradition dominiert in englischsprachigen Ländern und versteht sich als Fortsetzung einer auf klare logische Analyse zielenden Methodik; die kontinentale Tradition setzt eine eher spekulativ-historische Linie fort, die sich von Hegel herleitet. Die Differenz betrifft Stil und Gegenstand: Analytiker bevorzugen argumentative Präzision, Sprachklärung und enge Auseinandersetzung mit den Einzelwissenschaften; Kontinentale arbeiten interpretativ, historisch und kulturkritisch. Erst ab den 1990er Jahren häufen sich Brückenversuche.
Phänomenologie und Hermeneutik
Die Phänomenologie wird Anfang des Jahrhunderts von Edmund Husserl (1859–1938) als eigenständige philosophische Disziplin etabliert. Ihr Kernbegriff ist die Intentionalität: Bewusstsein ist immer „Bewusstsein von etwas". Die Methode der Epoché (phänomenologische Reduktion) klammert die Frage der äußeren Existenz ein und beschreibt, wie Gegenstände im Bewusstsein erscheinen. Martin Heidegger verschiebt das Programm in Sein und Zeit (1927) zur Fundamentalontologie: Die Seinsfrage wird zur Leitfrage, das Dasein als „In-der-Welt-Sein" analysiert. Maurice Merleau-Ponty entwickelt die Phänomenologie der Leiblichkeit weiter, Jean-Paul Sartre verbindet sie mit der Existenzphilosophie. Auf diesem Boden formuliert Hans-Georg Gadamer in Wahrheit und Methode (1960) die philosophische Hermeneutik: Verstehen ist kein Verfahren, sondern ein geschichtliches Geschehen, das er als „Horizontverschmelzung" beschreibt.
Existenzphilosophie
Die Existenzphilosophie radikalisiert die Frage nach dem konkreten menschlichen Dasein. Karl Jaspers spricht von Grenzsituationen, in denen sich Existenz erschließt; Jean-Paul Sartre formuliert programmatisch, dass beim Menschen „die Existenz der Essenz vorausgeht": Der Mensch ist zunächst nichts und bestimmt sich durch seine Wahl. Daraus folgen absolute Freiheit, vollständige Verantwortung und die Möglichkeit der mauvaise foi (Selbsttäuschung). Simone de Beauvoir überträgt diese Analyse auf das Geschlechterverhältnis: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." Albert Camus entwickelt mit dem Konzept des Absurden eine eigene Variante: Das Leben hat keinen vorgegebenen Sinn, doch die Antwort liegt im Trotzdem der Revolte.
Analytische Philosophie, Logischer Positivismus und Sprachanalyse
Die analytische Tradition entsteht aus der modernen Logik Gottlob Freges (1848–1925), die zwischen Sinn und Bedeutung unterscheidet, und der Principia Mathematica von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead. Ludwig Wittgensteins Frühwerk, der Tractatus logico-philosophicus (1921), bestimmt die Grenze des sinnvoll Sagbaren über die Struktur der Sprache; das Spätwerk (Philosophische Untersuchungen, 1953) ersetzt das Bild der Abbildung durch das des Sprachspiels: Bedeutung ist Gebrauch. Der Wiener Kreis um Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Otto Neurath sowie die Berliner Gruppe um Hans Reichenbach entwickeln den Logischen Empirismus (auch Logischer Positivismus): Sinnvoll sind allein empirisch überprüfbare oder logisch notwendige Sätze. Mit den Emigrationswellen ab 1933 zieht das Programm nach Großbritannien (A. J. Ayer) und in die USA (W. V. O. Quine, Carl Hempel); um 1960 löst es sich auf, prägt aber die zeitgenössische Wissenschaftsphilosophie nachhaltig.
Kritische Theorie und kritischer Rationalismus
Die Frankfurter Schule verbindet Marxismus, Psychoanalyse und Ideologiekritik. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno diagnostizieren in der Dialektik der Aufklärung (1944) das Umschlagen der Aufklärung in instrumentelle Herrschaft; Herbert Marcuse kritisiert in Der eindimensionale Mensch die Konsumgesellschaft; Jürgen Habermas entwickelt mit der Theorie des kommunikativen Handelns und der Diskursethik einen normativen Gegenentwurf. Daneben formuliert Karl Popper den kritischen Rationalismus: Wissenschaft schreitet nicht durch Verifikation, sondern durch Falsifikation voran. Thomas Kuhn, Imre Lakatos und Paul Feyerabend historisieren dieses Bild später durch ihre Analysen wissenschaftlicher Paradigmen.
Strukturalismus, Poststrukturalismus und Postmoderne
In Frankreich verschiebt der Strukturalismus den Fokus von Bewusstsein und Subjekt auf zugrundeliegende Strukturen; Claude Lévi-Strauss wendet die Methode auf die Ethnologie an, Roland Barthes auf Kultur und Literatur. Mit Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard beginnt der Poststrukturalismus: Wissensformationen, Diskurse, Texte und ihre Dezentrierung treten in den Mittelpunkt. Lyotard prägt mit Das postmoderne Wissen (1979) die Diagnose vom „Ende der großen Erzählungen".
Hauptvertreter
- Edmund Husserl — Begründer der Phänomenologie
- Martin Heidegger — Fundamentalontologie, Sein und Zeit
- Ludwig Wittgenstein — Sprachphilosophie früh und spät
- Hans-Georg Gadamer — philosophische Hermeneutik
- Jean-Paul Sartre — Existenzphilosophie
- Theodor W. Adorno — Kritische Theorie
- Max Horkheimer — Frankfurter Schule
Wirkungsgeschichte
Die Spannungen des 20. Jahrhunderts wirken in die Gegenwart hinein: Die Wissenschaftsphilosophie operiert weiter im Erbe Reichenbachs, Poppers und Kuhns; Phänomenologie und Hermeneutik prägen Anthropologie, Religionsphilosophie und Kognitionsforschung; Diskursethik und Kritische Theorie bestimmen Debatten um Demokratie, Öffentlichkeit und Technikfolgen; Poststrukturalismus und Postmoderne haben Gender Studies, Postkolonialismus und Cultural Studies wesentlich mitgeformt. Die analytisch–kontinentale Trennlinie verliert seit den 1990er Jahren schrittweise an Schärfe.
Quellen
- Smith, David Woodruff, „Phenomenology", Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2003 (rev. 2013). https://plato.stanford.edu/entries/phenomenology/ (SEP)
- Creath, Richard, „Logical Empiricism", Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2011 (rev. 2022). https://plato.stanford.edu/entries/logical-empiricism/ (SEP)
- Smith, Joel, „Phenomenology", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/phenom/ (IEP)
- Burnham, Douglas; Papandreopoulos, George, „Existentialism", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/existent/ (IEP)
- „Philosophie des 20. Jahrhunderts", Wikipedia (Deutsch), abgerufen 27.05.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_des_20._Jahrhunderts (Wikipedia DE)
- Stroll, Avrum & Britannica Editors, „Western philosophy — Contemporary philosophy (Analytic, Continental, Existentialism)", Encyclopaedia Britannica. https://www.britannica.com/topic/Western-philosophy/Contemporary-philosophy (Britannica)
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