Person · 20. Jahrhundert
Martin Heidegger
geboren 1889 · gestorben 1976 · Meßkirch (Baden)
Martin Heidegger (1889–1976) war ein deutscher Philosoph, der die Frage nach dem Sinn von Sein neu stellte und in Sein und Zeit (1927) eine Daseinsanalytik entwickelte. Sein NSDAP-Engagement ab 1933 ist bis heute umstritten.
Biographische Stationen
Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 in Meßkirch in Baden geboren und starb am 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau. Nach einem zunächst theologisch ausgerichteten Studium wandte er sich der Philosophie zu und habilitierte sich 1915 in Freiburg. Von 1923 bis 1927 lehrte er als außerordentlicher Professor in Marburg, bevor er 1928 den Lehrstuhl von Edmund Husserl in Freiburg übernahm. Am 21. April 1933 wurde Heidegger zum Rektor der Universität Freiburg gewählt, am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei. Im April 1934 trat er vom Rektorat zurück, blieb aber bis 1945 Parteimitglied. Die Entnazifizierungskommission verhängte ein Lehrverbot, das 1951 aufgehoben wurde.
Sein und Zeit (1927) und die Daseinsanalytik
Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit erschien 1927 und gilt als Wendepunkt der Phänomenologie nach Husserl. Das Werk stellt die "Seinsfrage" — die Frage nach dem Sinn von Sein — ins Zentrum und unterscheidet kategorial zwischen Sein und Seiendem (ontologische Differenz). Methodisch geht Heidegger über eine Existenzialanalyse des Daseins vor, jenes Seienden, "dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht". Zentrale Existenzialien sind:
- In-der-Welt-Sein: Dasein ist nicht erst Subjekt, das sekundär auf eine Außenwelt trifft, sondern stets schon verstehend in eine Welt verwiesen.
- Geworfenheit: Dasein findet sich in Situationen vor, die es nicht gewählt hat.
- Entwurf: Dasein existiert als Verstehen eigener Möglichkeiten und entwirft sich in die Zukunft.
- Verfallenheit und das Man: Alltäglich geht das Dasein im anonymen "Man" auf und weicht der Übernahme der eigenen Existenz aus.
- Sorge: Geworfenheit, Entwurf und Verfallenheit bilden die einheitliche Struktur des Daseins als Sorge.
- Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit: Das Dasein kann sein Sein eigens übernehmen oder vor ihm in das Man fliehen.
- Sein-zum-Tode: Der Tod ist die eigenste, unbezügliche und unüberholbare Möglichkeit; das Vorlaufen zum Tode erschließt eigentliches Existieren.
- Zeitlichkeit: Die Einheit von Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart ist nach Heidegger der Sinn von Dasein und der Horizont jeden Seinsverständnisses.
Die Kehre und das spätere Denken
In den 1930er Jahren vollzog Heidegger eine als "Kehre" bezeichnete Akzentverschiebung. Statt vom fragenden Dasein her zu denken, fragt er nun, wie sich Sein selbst geschickhaft in der Geschichte zeigt. Sprache, Dichtung — besonders Hölderlin — und die Vorsokratiker rücken ins Zentrum. Zentrale Begriffe der späten Phase sind Lichtung (das offene Geschehen, in dem Seiendes als solches erscheinen kann), Ereignis (das geschickhafte Sich-Geben von Sein) und Ge-stell, der Grundzug der modernen Technik, der alles Seiende als verfügbaren "Bestand" erschließt. Heidegger liest die abendländische Metaphysik von Platon bis Nietzsche als Geschichte der Seinsvergessenheit, in der Sein auf Seiendes — Vorhandenes, Berechenbares — reduziert wird.
Verhältnis zur Phänomenologie und Hermeneutik
Heidegger ging aus der Phänomenologie Husserls hervor, transformierte sie aber von einer Bewusstseinsphänomenologie zu einer hermeneutischen Phänomenologie des faktischen Lebens. Verstehen wird bei ihm nicht als sekundäre kognitive Leistung, sondern als Grundstruktur des Daseins gefasst (hermeneutischer Zirkel). Damit wurde er zum Ausgangspunkt der philosophischen Hermeneutik bei Hans-Georg Gadamer und übte starken Einfluss auf den französischen Existenzialismus (Jean-Paul Sartre) und die Dekonstruktion (Jacques Derrida) aus. In der englischsprachigen Rezeption hat insbesondere die pragmatistische Lesart durch Hubert Dreyfus die Sein-und-Zeit-Auslegung geprägt.
Politische Verstrickung und Schwarze Hefte
Heideggers Engagement für den Nationalsozialismus 1933/34 ist faktisch unbestritten: NSDAP-Eintritt am 1. Mai 1933, antrittsrede als Freiburger Rektor ("Die Selbstbehauptung der deutschen Universität"), Rücktritt vom Rektorat im April 1934 bei fortgesetzter Parteimitgliedschaft bis Kriegsende. Eine öffentliche Distanzierung blieb auch nach 1945 weitgehend aus. Mit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte (philosophische Notizbücher der Jahre 1931 bis in die frühen 1970er, ab 2014 in der Gesamtausgabe erschienen) wurde die Debatte erneut intensiviert, da sie antisemitische Passagen enthalten, die eine seinsgeschichtliche Deutung des Judentums vornehmen. Wie weit diese politischen Stellungnahmen Heideggers philosophisches Werk in seiner Substanz betreffen, ist eine offene und kontrovers geführte Forschungsfrage.
Wirkung
Heideggers Wirkung reicht weit über die akademische Philosophie hinaus. Innerhalb der Philosophie prägte er die existenziale Analytik, die hermeneutische Tradition, die Technikphilosophie und die kontinentale Ontologie. Schüler und Leser wie Hans-Georg Gadamer, Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt, Emmanuel Levinas und Jacques Derrida entwickelten sein Denken in eigenständige Richtungen weiter. Außerhalb der Philosophie wirkte er auf Theologie, Literaturwissenschaft, Psychologie und Architekturtheorie. Zugleich bleibt seine Rezeption durch die politische Kontroverse dauerhaft markiert.
Wichtige Werke
- Sein und Zeit (1927)
- Was ist Metaphysik? (1929)
- Die Selbstbehauptung der deutschen Universität (Rektoratsrede, 1933)
- Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) (verfasst 1936–1938, postum 1989)
- Der Ursprung des Kunstwerkes (1935/36)
- Brief über den Humanismus (1946)
- Die Frage nach der Technik (1953)
- Was heißt Denken? (1954)
- Schwarze Hefte (postume Ausgabe ab 2014)
Verwandte Konzepte und Personen
- Edmund Husserl — Lehrer, Begründer der Phänomenologie
- Friedrich Nietzsche — wichtiger Bezugspunkt in der Auseinandersetzung mit der abendländischen Metaphysik
- Hans-Georg Gadamer — Schüler, Begründer der philosophischen Hermeneutik
- Jean-Paul Sartre — wichtigste Rezeption im französischen Existenzialismus
- Jacques Derrida — Dekonstruktion als kritische Weiterführung
Quellen
- Wheeler, Michael: "Martin Heidegger". Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2025. https://plato.stanford.edu/entries/heidegger/ (SEP)
- Korab-Karpowicz, W. J.: "Heidegger, Martin". Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/heidegge/ (IEP)
- "Martin Heidegger". Wikipedia (deutsch), abgerufen 2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger (Wikipedia DE)
- "Martin Heidegger". Wikipedia (englisch), abgerufen 2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger (Wikipedia EN)
- Naess, Arne D.: "Martin Heidegger". Encyclopædia Britannica. https://www.britannica.com/biography/Martin-Heidegger-German-philosopher (Britannica)
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