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Porträt · 4:5SAUL AARON KRIPKE

Person · 20. Jahrhundert

Saul Aaron Kripke

geboren 1940 · gestorben 2022 · Bay Shore (New York, USA)

Saul Aaron Kripke (1940–2022) war ein US-amerikanischer Logiker und analytischer Philosoph. Er entwickelte die Kripke-Semantik der Modallogik, die Theorie rigider Designatoren in "Naming and Necessity" (1980) und die Kripkenstein-Lektüre von Wittgensteins Regelfolgen-Paradox.

Biographie und akademischer Werdegang

Saul Aaron Kripke wurde am 13. November 1940 in Bay Shore (Long Island, New York) als Sohn eines Reformrabbiners geboren und wuchs in Omaha, Nebraska, auf. Bereits als Schüler verfasste er ab 1958 die Aufsätze, mit denen er die Semantik der Modallogik begründete; die zentralen Texte erschienen 1959 ("A Completeness Theorem in Modal Logic") und 1963 ("Semantical Considerations on Modal Logic"), als Kripke 18 und 22 Jahre alt war. 1962 schloss er sein Mathematikstudium in Harvard (B.A. summa cum laude) ab und lehrte anschließend in Harvard und Princeton, bevor er von 1968 bis 1976 an der Rockefeller University in New York wirkte. Von 1977 bis zur Emeritierung 2002 war er McCosh Professor of Philosophy in Princeton; danach lehrte er als Distinguished Professor am CUNY Graduate Center. Er starb am 15. September 2022 in Plainsboro, New Jersey. 2001 erhielt er den Rolf-Schock-Preis für Logik und Philosophie.

Kripke-Semantik der Modallogik

Vor Kripkes Arbeiten besaß die Modallogik, die mit "notwendig" und "möglich" operiert, keine allgemein akzeptierte formale Semantik. Kripke führte die Mögliche-Welten-Semantik in ihrer modernen Gestalt ein: Ein Satz heißt notwendig wahr, wenn er in allen möglichen Welten wahr ist, und möglich wahr, wenn er in mindestens einer wahr ist. Über eine Zugänglichkeitsrelation zwischen Welten lassen sich verschiedene Modallogiken (T, S4, S5) systematisch unterscheiden. Die Konstruktion ging zwar parallel auf Vorarbeiten von Carnap, Kanger, Hintikka und Bayart zurück, doch Kripkes Vollständigkeitsbeweise und die handhabbare Frame-Notation setzten sich als Standard durch und werden seither als "Kripke-Semantik" oder "Kripke-Modelle" bezeichnet.

Rigide Designatoren und kausale Referenztheorie

Im Zentrum von Naming and Necessity — drei Vorlesungen, die Kripke im Januar 1970 in Princeton hielt und die 1972 erstmals erschienen, 1980 als Buch — steht die These, dass Eigennamen wie "Aristoteles" oder "Hesperus" rigide Designatoren sind: Sie bezeichnen in jeder möglichen Welt, in der das benannte Objekt existiert, dasselbe Objekt. Damit grenzte sich Kripke von der Frege-Russell-Beschreibungstheorie ab, der zufolge Namen verkürzte Kennzeichnungen darstellen ("Aristoteles" = "der Lehrer Alexanders"). Stattdessen wird Referenz durch eine ursprüngliche Taufhandlung gestiftet und über eine Kette historischer Übertragungen ("kausale Theorie der Referenz") weitergereicht. Die Bezugsgegenstände müssen die landläufig zugeschriebenen Eigenschaften nicht erfüllen.

Notwendige a-posteriori- und kontingente a-priori-Wahrheiten

Aus der Rigidität von Namen und Naturart-Termen folgt für Kripke eine in der Tradition seit Kant für ausgeschlossen gehaltene Klasse von Aussagen: notwendige Wahrheiten, die nur a posteriori erkannt werden können. Sind beide Seiten einer Identitätsaussage rigide Designatoren, so ist die Aussage, falls überhaupt wahr, in allen möglichen Welten wahr — auch wenn ihre Wahrheit empirisch entdeckt wurde. Standardbeispiele sind "Hesperus = Phosphorus" (Abend- und Morgenstern sind derselbe Planet Venus) und "Wasser = H₂O". Umgekehrt argumentierte Kripke für kontingente a-priori-Wahrheiten wie der Festsetzung "Ein Meter ist die Länge des Pariser Urmeters zu Zeitpunkt t". Die kantische Identifikation von "notwendig" mit "a priori" und "kontingent" mit "a posteriori" wird damit entkoppelt; metaphysische und epistemische Modalität sind verschiedene Achsen.

Kripkenstein: Wittgenstein-Interpretation und Regelfolgen-Paradox

In Wittgenstein on Rules and Private Language (1982) entwickelt Kripke eine eigenständige Lesart von Wittgensteins Bemerkungen zum Regelfolgen aus den Philosophischen Untersuchungen. Die in der Sekundärliteratur als "Kripkenstein" bezeichnete Position lautet: Es gibt keine innere Tatsache, die festlegen könnte, was es heißt, einer Regel zu folgen — jede endliche Ausgangsmenge an Anwendungen lässt sich mit beliebig vielen abweichenden Regelinterpretationen ("Quaddition" statt Addition) vereinbaren. Kripke nennt dies das "skeptische Paradox" und schlägt eine "skeptische Lösung" vor: Bedeutung sei kein faktisches Innen, sondern eine Praxis innerhalb einer Sprachgemeinschaft. Die Interpretation gilt als kontrovers — Baker und Hacker, McDowell und Wright sehen sie als eigenständige philosophische Position, die nicht notwendig mit Wittgensteins Intentionen übereinstimmt, weshalb Kripke selbst sie als "Wittgensteins Argument, wie es Kripke traf" charakterisierte.

Theorie der Wahrheit und weitere Beiträge

In "Outline of a Theory of Truth" (1975) entwickelte Kripke eine nicht-hierarchische Antwort auf das Lügner-Paradox: Über ein induktives Fixpunkt-Verfahren werden Sätzen schrittweise Wahrheitswerte zugewiesen, bis ein konsistenter Fixpunkt erreicht ist; paradoxe Sätze wie "Dieser Satz ist falsch" bleiben dabei in einer "Lücke" ohne Wahrheitswert. In der dritten Vorlesung von Naming and Necessity formulierte Kripke außerdem ein vielzitiertes Argument gegen die Typen-Identitätstheorie des Bewusstseins (Schmerz = C-Faser-Erregung): Da "Schmerz" und "C-Faser-Erregung" rigide Designatoren sind, müsste eine Identität notwendig gelten — die Vorstellbarkeit ihres Auseinanderfallens widerspricht dem. Spätere Aufsätze sind ab 2011 in Philosophical Troubles gesammelt; Reference and Existence (2013) ediert die John-Locke-Vorlesungen von 1973.

Wirkung

Kripkes Arbeiten gelten als prägend für die analytische Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die possible-worlds-Semantik ist Standardwerkzeug der Modallogik, der Sprachphilosophie und Teilen der Linguistik geworden. Die kausale Referenztheorie wurde von Hilary Putnam (Naturart-Termini), Tyler Burge (sozialer Externalismus) und Keith Donnellan ausgebaut. In der Metaphysik trug Kripke maßgeblich zur Rehabilitierung des Essenzialismus bei. Die Kripkenstein-Debatte ist bis heute Bezugspunkt der Wittgenstein-Forschung. Wichtige Sekundärautoren sind Scott Soames (zwei-bändiges Werk zur analytischen Philosophie), Nathan Salmon (Reference and Essence), Joseph Almog und Howard Wettstein.

Wichtige Vertreter und Kontext

  • Gottlob Frege — Begründer der modernen Logik; Kripkes Referenztheorie wendet sich gegen Freges Sinn-Bedeutungs-Dualismus
  • Bertrand Russell — Kennzeichnungstheorie als zentraler Gegenpol zur rigiden Designation
  • Ludwig Wittgenstein — Lektürepartner für die Regelfolgen-Argumentation

Verwandte Konzepte

  • Modallogik
  • Sprachphilosophie
  • Analytische Philosophie
  • Bedeutung

Quellen

  1. "Rigid Designators", Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2006/rev. 2022. https://plato.stanford.edu/entries/rigid-designators/ (SEP)
  2. "Possible Worlds", Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2013/rev. 2016. https://plato.stanford.edu/entries/possible-worlds/ (SEP)
  3. "Names", Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2008/rev. 2023. https://plato.stanford.edu/entries/names/ (SEP)
  4. Duncan J. Richter, "Ludwig Wittgenstein", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/wittgens/ (IEP — Abschnitt 6 zu Kripkes Regelfolgen-Lektüre)
  5. "Modal Logic: A Contemporary View", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/modal-lo/ (IEP — Kripke-Frames und Akzessibilitätsrelation)
  6. "Saul Aaron Kripke", Wikipedia (DE), abgerufen 29.05.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Saul_Aaron_Kripke
  7. "Saul Kripke", Wikipedia (EN), abgerufen 29.05.2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Saul_Kripke
  8. "Saul Kripke", Encyclopaedia Britannica. https://www.britannica.com/biography/Saul-Kripke

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