Konzept · 20. Jahrhundert
Akan-Philosophie
Akan-Philosophie bezeichnet das Begriffssystem der Akan in Ghana und der Elfenbeinküste, vor allem ihre Lehre von der Person und eine am Charakter orientierte Ethik. Kwasi Wiredu und Kwame Gyekye haben sie im 20. Jahrhundert philosophisch ausgearbeitet.
Auf einen Blick
- Die Akan beschreiben den Menschen als Zusammensetzung aus mogya, ntoro, sunsum und okra; das okra gilt als von Gott gegebener Lebensträger.
- Wiredu versteht Personsein als Leistung, die man in Graden erwirbt, während das okra eine unverlierbare Grundwürde sichert.
- Gyekye hält dagegen: Jeder Mensch ist von Anfang an und in gleichem Maß Person; Lob und Tadel betreffen nur das Verhalten.
- Die Akan-Ethik stellt den erworbenen Charakter (suban) ins Zentrum und begründet das Gute mit dem menschlichen Wohl, nicht mit göttlichen Geboten.
- Wiredu nutzte Akan-Begriffe für eine begriffliche Dekolonisierung und beschrieb das Asante-System als Konsensdemokratie.
Historische Entwicklung
Unter dem Namen Akan fasst man mehrere Völker zusammen, die eng verwandte Sprachen sprechen und viele Bräuche teilen. Sie leben heute vor allem in der Mitte und im Süden Ghanas sowie im Osten der Elfenbeinküste. Dazu gehören unter anderem Asante, Fante, Akuapem, Baoulé und Nzema. Ihre Sprachen gehören zur Kwa-Gruppe; am weitesten verbreitet sind Twi und Fante. Die Gesellschaft ist traditionell matrilinear organisiert: Erbfolge, Ämter und Land laufen über die Linie der Mutter. Die Kultur der Akan reicht nach heutiger Darstellung in die Zeit vor dem 13. Jahrhundert zurück. Die Region gehört zu Subsahara-Afrika.
Lange lag das Denken der Akan nicht in Schriften vor. Kwasi Wiredu nennt es eine Volksphilosophie, die in mündlicher Überlieferung, Bräuchen und Redeweisen bewahrt wird. Eine wichtige Form sind Sprichwörter und Erzählungen, mit denen moralisches Wissen an Jüngere weitergegeben wird.
Die Internet Encyclopedia of Philosophy rechnet J. B. Danquah („The Akan Doctrine of God", 1944) und William Abraham („The Mind of Africa", 1962) zu den frühen Autoren der afrikanischen Philosophie. Danquah befasste sich mit Recht, Religion und Ethik der Akan, Abraham vor allem mit ihrer Kultur und ihrem politischen Denken. Danquahs Buch war nach derselben Quelle einer der ersten philosophischen Texte aus Afrika, die Wiredu las. Zur akademischen Disziplin wurde die Akan-Philosophie mit den Arbeiten von Kwasi Wiredu (1931–2022) und Kwame Gyekye (1939–2019) an der University of Ghana. Wiredus „Philosophy and an African Culture" (1980) und Gyekyes „An Essay on African Philosophical Thought: The Akan Conceptual Scheme" (1987) gelten als Grundtexte. Ihre Kontroverse über den Begriff der Person wird als prägender Moment der neueren afrikanischen Philosophie angesehen.
Bestandteile der Person
Die Akan beschreiben den Menschen als Zusammensetzung mehrerer Bestandteile. Eine verbreitete Aufzählung nennt vier:
- mogya: das Erbe der Mutter, das die Zugehörigkeit zur Abstammungsgruppe (abusua) begründet,
- ntoro: das Erbe des Vaters,
- sunsum: ein persönlicher Geist, der sich im Umgang mit der Welt ausbildet und Körper (honam) und Seele verbindet,
- okra (auch kra): der Lebensträger, den der Mensch von Gott (Nyame) erhält.
Das okra gilt als innerster Kern des Menschen. Es bringt das Leben und trägt das Schicksal (nkrabea), das Gott dem Einzelnen zuteilt. Gyekye versteht es als Funken des höchsten Wesens und übersetzt es mit „Seele". Er verweist auf das Sprichwort, alle Menschen seien Kinder Gottes und keiner ein Kind der Erde.
Wiredu ist bei dieser Übersetzung vorsichtiger. Er bestimmt das okra über seine Wirkung: Es ist das, „dessen Anwesenheit im Körper Leben und dessen Abwesenheit Tod bedeutet" (Wiredu 1983, S. 119, zitiert nach Wingo). Zudem betont er, dass die Akan das okra klar vom Denkvermögen (adwene) trennen. Der Geist im Sinne des englischen „mind" sei für sie kein eigener Bestandteil der Person. Darin sieht Wiredu einen Unterschied zur westlichen Tradition, die Geist und Seele oft gleichsetzt (siehe Leib-Seele-Problem).
Personsein in Graden: Wiredu und Gyekye
Ausgangspunkt der Debatte ist ein Wort mit zwei Verwendungen. Mit onipa bezeichnen die Akan zunächst schlicht einen Menschen. Zugleich dient das Wort als Lob für jemanden, der sich in seiner Gemeinschaft bewährt hat. Wer vorbildlich handelt, von dem heißt es oye onipa paa, wörtlich „er ist wirklich ein Mensch". Wer sich geizig oder rücksichtslos verhält, gilt als onnye onipa, „kein Mensch".
Wiredu liest diese Redeweise wörtlich. Für ihn sind Menschsein und Personsein zweierlei. Mensch ist man von Geburt an, und zwar ohne Abstufung. Person wird man erst im Lauf des Lebens, mehr oder weniger, je nach dem, was man tut. Maßstab ist vor allem die Sorge für Familie, Abstammungsgruppe und Gemeinde. Das okra setzt eine Untergrenze: Auch wer wenig leistet, behält die Würde und die unbedingten Rechte, die jedem Menschen zukommen. Wiredu verweist auf Bräuche als Beleg. Für verstorbene Säuglinge gibt es keine Trauerfeier, denn die Feier verabschiedet die Seele ins Ahnenreich (asamando), und dafür kommt ein Kind nach dieser Deutung noch nicht in Frage. Wer dagegen ein erfülltes Leben geführt hat, kann zum Ahnen werden, der den Lebenden als Vorbild dient.
Gyekye widerspricht. Für ihn ist jeder Mensch von Anfang an und in gleichem Maß Person. Erworben werden nach seiner Formulierung nur „Status, Gewohnheiten und Persönlichkeits- oder Charakterzüge" (Gyekye, in Wiredu/Gyekye 1992, S. 108). Die Redewendungen über „echte" Menschen sind für ihn Lob und Tadel des Verhaltens, keine Aussage darüber, wer Person ist. Zur Stützung beruft er sich auf die menschliche Vernunftfähigkeit und zitiert zustimmend Kants Gedanken vom „Reich der Zwecke". Die Unterschiede bei Begräbnissen erklärt er mit dem sozialen Rang der Verstorbenen.
Eng damit verbunden ist die Frage der Verantwortung (siehe Willensfreiheit). Wiredu fasst die Antwort der Akan so zusammen: Verantwortlich sei ein Mensch, „soweit sein Verhalten durch vernünftiges Zureden oder moralische Zurechtweisung verändert werden kann" (Wiredu 1992a, S. 108 f., zitiert nach Wingo). Verantwortung hängt danach an der Fähigkeit, auf Gründe zu reagieren.
Ethik und Charakter
Im Akan gibt es kein eigenes Wort für „Ethik". Wer sagen will, jemand handle unmoralisch, sagt onni suban, „er hat keinen Charakter". Gyekye leitet daraus ab, dass die Akan-Ethik eine Ethik des Charakters ist. Charakter gilt als erworben: Er entsteht aus wiederholten Handlungen, die zur Gewohnheit werden. Gut sind Haltungen wie Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Mitgefühl und Gastfreundschaft, weil sie dem Wohl der Menschen dienen.
Ob diese Moral religiös begründet ist, ist umstritten. Viele Autoren, darunter Danquah und der ghanaische Soziologe K. A. Busia, verstanden afrikanische Moral als religiöse Moral: Werte und Begriffe wie gut und schlecht leiteten sich aus der Religion ab. Wiredu und Gyekye widersprechen. Wiredu nannte die moralische Sicht der Akan „logisch unabhängig von der Religion" (Wiredu 1983, S. 13, zitiert nach Gyekye). Gyekye zufolge messen die Akan das Gute an seinen Folgen für Mensch und Gemeinschaft, nicht am Willen Gottes. Als Hinweis wertet er, dass die Akan auch Gottheiten nach ihrem Verhalten beurteilen und versagenden Gottheiten die Achtung entziehen, wie Busia selbst beobachtet hat. Ein oft zitiertes Sprichwort lautet Honam mu nni nhanoa, wörtlich etwa „Im menschlichen Fleisch gibt es keine Feldgrenze". Gyekye liest es als Aussage über die Einheit der Menschheit.
Individuum und Gemeinschaft
Umstritten ist, wie viel Eigenständigkeit die Akan dem Einzelnen zugestehen. Kritiker werfen Wiredus Lesart vor, sie ordne das Individuum zu stark der Gemeinschaft unter. Gyekye vertritt einen „gemäßigten Kommunitarismus". Er wendet sich gegen einen „radikalen" Kommunitarismus, wie er ihn etwa bei Ifeanyi Menkiti sieht. Der Mensch sei auf Gemeinschaft angewiesen, so das Sprichwort, er sei „keine Palme, die sich selbst genügt". Er könne die überlieferten Werte aber prüfen, verändern oder verwerfen. Auch Wiredu gesteht dem Einzelnen zu, die Werte seiner Gemeinschaft kritisch zu prüfen. Ajume Wingo, Autor des SEP-Artikels, folgert daraus, dass es in der Akan-Gesellschaft Platz für moralische Reformer gibt. Wer überzeugende Gründe für eine Änderung der Werte vorbringt, kann nach dieser Deutung sogar zum Ahnen werden.
Begriffliche Dekolonisierung und Konsensdemokratie
Wiredu verband die Arbeit an Akan-Begriffen mit einem Programm der „begrifflichen Dekolonisierung". Afrikanische Philosophinnen und Philosophen sollen prüfen, welche Begriffe sie aus kolonialen Sprachen ungeprüft übernommen haben. Zugleich sollen sie überholte Elemente der eigenen Tradition kritisieren. Als Beispiel dient seine Analyse der Wahrheit: Im Akan gibt es kein einzelnes Wort für „Wahrheit" und keines für „Tatsache". Daraus folgert Wiredu, dass eine Wahrheitstheorie nur dann allgemeine Bedeutung hat, wenn sie erklärt, was es heißt, dass etwas „so ist" (siehe Wahrheit).
In der politischen Philosophie beschrieb Wiredu das traditionelle Asante-System als Konsensdemokratie. Regiert wurde mit Zustimmung des Volkes über seine Vertreter, und diese Zustimmung wurde in der Regel im Konsens ausgehandelt. Daraus entwickelte er den Vorschlag eines Staates ohne Parteien, als Gegenmodell zum Mehrheitsprinzip des Mehrparteiensystems. Für das Grundinteresse aller führte er ein Akan-Bild an: zwei Krokodile mit einem gemeinsamen Magen, die um Nahrung streiten.
Abgrenzung
Die Akan-Philosophie ist ein Teil der afrikanischen Philosophie, nicht ihr Ganzes. Gyekye betont, dass Akan-Ethik kein verkleinertes Abbild „der" afrikanischen Ethik sei; viele ihrer Grundzüge fänden sich aber in anderen afrikanischen Gesellschaften wieder. Verwandte Fragen behandelt etwa das Konzept Ubuntu.
Nicht zur Akan-Philosophie im engeren Sinn gehört das Werk von Anton Wilhelm Amo. Der aus der Gruppe der Nzema stammende Gelehrte lehrte im 18. Jahrhundert in Halle, Wittenberg und Jena und schrieb auf Latein im Rahmen der europäischen Frühaufklärung.
Wichtige Vertreter
- Kwasi Wiredu – Personsein in Graden, begriffliche Dekolonisierung, Konsensdemokratie
- Kwame Gyekye – „The Akan Conceptual Scheme", gemäßigter Kommunitarismus
Verwandte Themen
- Ubuntu
- Interkulturelle Philosophie
- Personale Identität
- Subsahara-Afrika
Quellen
- Ajume Wingo: „Akan Philosophy of the Person". In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2024. https://plato.stanford.edu/entries/akan-person/
- Kwame Gyekye: „African Ethics". In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2010. https://plato.stanford.edu/entries/african-ethics/
- Sanya Osha: „Kwasi Wiredu (1931—2022)". In: Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen am 08.10.2026. https://iep.utm.edu/wiredu/
- Jonathan O. Chimakonam: „History of African Philosophy". In: Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen am 08.10.2026. https://iep.utm.edu/history-of-african-philosophy/
- „Akan people". In: Wikipedia, abgerufen am 08.10.2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Akan_people
- „Akan". In: Wikipedia, abgerufen am 08.10.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Akan
- „Sunsum". In: Wikipedia, abgerufen am 08.10.2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Sunsum
- „Kwasi Wiredu". In: Wikipedia, abgerufen am 08.10.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Kwasi_Wiredu
- „Kwame Gyekye". In: Wikipedia, abgerufen am 08.10.2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Kwame_Gyekye
- „Anton Wilhelm Amo". In: Wikipedia, abgerufen am 08.10.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Wilhelm_Amo
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