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Porträt · 4:5PAUL RICŒUR

Person · 20. Jahrhundert

Paul Ricœur

geboren 1913 · gestorben 2005 · Valence (Frankreich)

Paul Ricœur (1913-2005) war ein französischer Philosoph, der Phänomenologie, Strukturalismus und Hermeneutik systematisch vermittelte. Im Zentrum stehen seine Symboltheorie, die Hermeneutik des Verdachts und die Theorie der Erzählidentität.

Biographische Stationen

Jean Paul Gustave Ricœur wurde am 27. Februar 1913 in Valence geboren und wuchs nach dem frühen Tod beider Eltern bei Verwandten in der Bretagne auf. Er studierte Philosophie an der Sorbonne, wo er Gabriel Marcel und die Phänomenologie Edmund Husserls kennenlernte. Während des Zweiten Weltkriegs befand er sich von 1940 bis 1945 in deutscher Kriegsgefangenschaft, in der er Husserls Ideen I ins Französische übersetzte. Nach Lehrstühlen in Straßburg (1948–1956) und an der Sorbonne sowie in Nanterre (1956–1970) lehrte er ab 1970 parallel an der University of Chicago. Er starb am 20. Mai 2005 in Châtenay-Malabry.

Hermeneutische Wende und Symboltheorie

Ricœur begann sein Werk als phänomenologischer Schüler Husserls, vollzog jedoch in den 1960er Jahren eine hermeneutische Wende. Ausgangspunkt war die Einsicht, dass die phänomenologische Beschreibung des Willens an die Grenze symbolisch verfasster Erfahrung stößt — etwa beim Phänomen des Bösen. In Symbolik des Bösen (1960) formulierte er die programmatische These „Das Symbol gibt zu denken": Symbole sind mehrdeutige Ausdrucksformen, die zur Auslegung auffordern und so erst Reflexion in Gang setzen. Damit verbindet Ricœur die Husserlsche Phänomenologie systematisch mit einer Theorie sprachlicher Vermittlung — eine Brücke, die sein gesamtes Spätwerk prägt.

Hermeneutik des Verdachts

In De l'interprétation. Essai sur Freud (1965) prägte Ricœur die einflussreiche Unterscheidung zwischen einer „Hermeneutik des Verdachts" und einer „Hermeneutik des Vertrauens". Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud — die „Schule des Verdachts" — lesen Symbole als Verschleierungen ökonomischer, machtbezogener oder triebhafter Strukturen. Demgegenüber sucht eine Hermeneutik des Sinns das, was Symbole an Sinnüberschuss offenbaren. Le Conflit des interprétations (1969) entfaltet das Verhältnis beider Stile als wechselseitig korrigierendes Programm: Verdacht und Vertrauen sind komplementäre Bewegungen einer langen Aneignung des Sinns.

Lebendige Metapher und Mimesis-Triade

La Métaphore vive (1975) bestreitet die rhetorische Reduktion der Metapher auf einen Schmuck der Rede. Ricœur versteht die lebendige Metapher als Operation „semantischer Innovation": Sie erzeugt neue Bedeutung, indem sie eine semantische Spannung produktiv stehen lässt. Temps et récit (3 Bände, 1983–1985) überträgt diesen Gedanken auf die Erzählung. Im Anschluss an Augustinus' Aporien der Zeit und Aristoteles' Begriff des mythos entwickelt Ricœur die Mimesis-Triade: Mimesis I (Präfiguration) verweist auf die vorgängige Vertrautheit mit Handlung, Mimesis II (Konfiguration) ist die erzählerische Verknüpfung durch die Handlungsverkettung mise en intrigue, Mimesis III (Refiguration) bezeichnet die Anwendung der erzählten Welt auf die Welt des Lesers. Zeit wird so nicht theoretisch, sondern erzählerisch verständlich.

Erzählidentität: idem und ipse

Soi-même comme un autre (1990) entfaltet die für Ricœurs Anthropologie zentrale Differenz von idem- und ipse-Identität. Idem meint die numerische und qualitative Selbigkeit über die Zeit, ipse das Selbstverhältnis, das sich im Versprechen und in der Verantwortung bezeugt. Die erzählende Identität vermittelt zwischen beiden Polen: Indem wir uns die Geschichte unseres Lebens erzählen, konstituieren wir ein Selbst, das weder bloße Substanz noch reine Spontaneität ist. Daran schließt eine kleine Ethik an, die aristotelische Strebensethik und kantische Pflichtethik in eine Trias aus gutem Leben, gerechten Institutionen und praktischer Weisheit überführt.

Gedächtnis, Geschichte und Anerkennung

La Mémoire, l'histoire, l'oubli (2000) bietet eine Phänomenologie und Hermeneutik des Erinnerns: Erinnerung, Geschichtsschreibung und Vergessen werden als drei Modi des Umgangs mit dem Vergangenen analysiert; das Verzeihen erscheint als Grenzbegriff jenseits einer abschließbaren historischen Bilanz. Parcours de la reconnaissance (2004) verfolgt die Wortgeschichte von „reconnaissance" und mündet in eine Theorie wechselseitiger Anerkennung, die an Hegel und marcelsche Gabe-Motive anknüpft.

Wirkungsgeschichte

Ricœur gilt als wichtigster Vermittler zwischen kontinentaler und analytischer Tradition: zwischen Phänomenologie (Husserl), philosophischer Hermeneutik (Gadamer), Strukturalismus und Sprachphilosophie. Seine Mimesis-Theorie wurde von Geschichtstheoretikern wie Hayden White und Reinhart Koselleck aufgenommen, sein Begriff der Erzählidentität prägt narrative Ansätze in Sozialphilosophie, postkolonialer Theorie und theologischer Hermeneutik. In Frankreich wirkte er als Lehrer einer Generation, die Emmanuel Macron, Olivier Mongin und Jean Greisch umfasst.

Verwandte Seiten

  • Edmund Husserl — phänomenologische Herkunft
  • Hans-Georg Gadamer — paralleler hermeneutischer Hauptstrang
  • Hermeneutik — disziplinärer Bezugsrahmen
  • [[phanomenologie]] — Ausgangspunkt
  • [[personale-identitat]] — Anwendungsfeld der idem/ipse-Unterscheidung

Quellen

  1. David Pellauer, Bernard Dauenhauer und Scott Davidson, „Paul Ricoeur", Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/ricoeur/ (SEP).
  2. Kim Atkins, „Paul Ricoeur (1913–2005)", Internet Encyclopedia of Philosophy, https://iep.utm.edu/ricoeur/ (IEP).
  3. „Paul Ricœur", Wikipedia (deutsch), https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Ricœur (Wikipedia DE).
  4. „Paul Ricoeur — French Philosopher", Encyclopædia Britannica, https://www.britannica.com/biography/Paul-Ricoeur (Britannica).

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