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Problem · 20. Jahrhundert

Privatsprache

Geist & Freiheit

Das Problem der Privatsprache betrifft die Frage, ob es eine Sprache geben kann, deren Wörter sich auf private Empfindungen beziehen und die grundsätzlich nur ihr Sprecher versteht. Ludwig Wittgenstein bestritt diese Möglichkeit in den Philosophischen Untersuchungen.

Auf einen Blick

  • Eine Privatsprache im Sinne Wittgensteins bezöge sich auf private Empfindungen und wäre aus begrifflichen Gründen nur ihrem Sprecher verständlich.
  • Im Tagebuch-Beispiel (PU §258) fehlt jedes Kriterium, das richtigen von bloß scheinbar richtigem Gebrauch des Zeichens unterscheidet.
  • Das Käfer-Gleichnis (PU §293) zeigt, dass ein privater Gegenstand für die Bedeutung von Empfindungswörtern keine Rolle spielt, ohne Empfindungen zu leugnen.
  • Saul Kripke deutete 1982 die Unmöglichkeit einer Privatsprache als Folge einer skeptischen Lösung des Regelfolgen-Paradoxes; diese Lesart ist umstritten.
  • Das Argument richtet sich gegen Denkweisen, die Bedeutung an innere Vorstellungen binden, etwa bei Descartes, Locke oder Fodor.

Herkunft bei Wittgenstein

Den Ausdruck „private Sprache“ prägte Ludwig Wittgenstein in seinem Spätwerk Philosophische Untersuchungen, das 1953 erschien, zwei Jahre nach seinem Tod. In §243 schließt er zunächst harmlose Fälle aus. Wer nur Selbstgespräche führt, spricht noch keine Privatsprache, denn ein Beobachter könnte seine Äußerungen übersetzen. Gemeint ist eine Sprache, deren Wörter sich auf das beziehen, „wovon nur der Sprechende wissen kann; auf seine unmittelbaren, privaten, Empfindungen“ (PU §243).

Nicht gemeint sind Sprachen, die zufällig nur einer versteht. Ein Geheimcode ließe sich entschlüsseln, und auch die Sprache ihres letzten Sprechers bliebe im Prinzip erlernbar. Privat im strengen Sinn wäre erst eine Sprache, die aus begrifflichen Gründen niemand sonst verstehen kann, weil ihre Gegenstände allen anderen unzugänglich sind.

Die einschlägigen Bemerkungen erstrecken sich auf §§243–315; als Kern gelten §§256–271. Die Bezeichnung „Privatsprachenargument“ stammt aus der Sekundärliteratur, Wittgenstein selbst verwendet sie nicht. Als wahrscheinliche Anregung gilt Bertrand Russell. In seinen Vorlesungen über den logischen Atomismus hielt Russell die Namen einer logisch vollkommenen Sprache für weitgehend privat: Benennen könne man nur, womit man unmittelbar bekannt sei.

Argumentationsstruktur

Das Tagebuch mit dem Zeichen „E“

In §258 entwirft Wittgenstein ein Gedankenexperiment. Jemand möchte festhalten, wann eine bestimmte Empfindung wiederkehrt, und trägt an jedem solchen Tag das Zeichen „E“ in einen Kalender ein. Eine Erklärung in Worten ist ausgeschlossen, sonst gehörte das Zeichen zur öffentlichen Sprache. Übrig bleibt eine Art innerer Hinweis: Der Schreiber konzentriert sich auf die Empfindung und notiert dabei das Zeichen.

Wittgenstein bezweifelt, dass dieser Vorgang etwas festlegt. Eine Definition hat nur Sinn, wenn sie den späteren Gebrauch des Zeichens bestimmt. Hier fehlt aber jeder Maßstab außer dem Eindruck des Schreibers. Wittgenstein fasst das so: „richtig ist, was immer mir als richtig erscheinen wird. Und das heißt nur, daß hier von ›richtig‹ nicht geredet werden kann“ (PU §258). Wo sich richtiger und falscher Gebrauch nicht unterscheiden lassen, bleibt das Zeichen leer.

Kein unabhängiger Prüfstein

Naheliegend ist der Einwand, der Schreiber könne sich an die ursprüngliche Zuordnung erinnern. Darauf antwortet §265 mit einem Vergleich. Eine Erinnerung, die nur an sich selbst gemessen wird, gleicht dem Kauf mehrerer Exemplare derselben Morgenzeitung, um deren Wahrheit zu sichern. Rechtfertigen heißt, sich auf etwas Unabhängiges zu berufen.

In §270 bekommt das Zeichen schließlich eine Aufgabe. Der Schreiber stellt fest, dass ein Blutdruckmesser jedes Mal einen Anstieg anzeigt, wenn er die Empfindung hat. Fortan kann er seinen Blutdruck ohne Gerät ansagen. Ob er die Empfindung dabei jedes Mal „richtig“ wiedererkennt, ist nun gleichgültig. Das Zeichen hat eine Bedeutung gewonnen, aber eine öffentliche.

Das Käfer-Gleichnis

Ein bekanntes Bild aus §293 überträgt diese Überlegung auf das Wort „Schmerz“. Jeder Mensch besitzt eine Schachtel, in die kein anderer hineinsehen kann. Darin liegt etwas, das alle „Käfer“ nennen, und jeder meint, nur am eigenen Exemplar gelernt zu haben, was ein Käfer ist. Die Inhalte könnten verschieden sein, sich ständig ändern oder ganz fehlen. Hat das Wort dennoch einen Gebrauch, dann bezeichnet es kein Ding: „Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel“ (PU §293).

Wittgensteins Folgerung betrifft das Bild von Gegenstand und Bezeichnung. Deutet man Empfindungswörter nach diesem Muster, spielt der vermeintliche Gegenstand für ihre Bedeutung keine Rolle mehr. Daraus folgt nicht, dass es keine Empfindungen gibt. Nach §304 ist die Empfindung „kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts“. Die Internet Encyclopedia of Philosophy stützt sich auf §293 und §304, um die Deutung zurückzuweisen, Wittgenstein sei Behaviorist gewesen. Wie Schmerzwörter tatsächlich gelernt werden, skizziert §244: Erwachsene bringen dem Kind bei, sein Schreien durch Ausrufe und später durch Sätze zu ersetzen.

Streit um die Deutung

Über Aufbau, Ziel und Tragweite des Arguments besteht bis heute kein Konsens. Lange herrschte eine Lesart vor, die man rückblickend als orthodox bezeichnet. Danach scheitert die Privatsprache am unzuverlässigen Gedächtnis: Der Sprecher könne nie sicher sein, dass er „E“ wieder für dieselbe Empfindung verwendet. Kritiker hielten dem entgegen, dass auch Gruppen sich falsch erinnern können. Das Argument treffe dann jede Sprache, auch die öffentliche.

Anthony Kenny verschob den Akzent. Bei Wittgenstein gehe es um das Erinnern einer Bedeutung, nicht um die Gefahr falscher Tatsachenurteile. Stewart Candlish und George Wrisley gehen in der Stanford Encyclopedia of Philosophy noch weiter. Ihrer Lesart nach ist offen, ob eine private hinweisende Definition überhaupt zustande kommt. Wo nie eine Zuordnung bestand, kann auch keine Erinnerung sie bewahren.

Umstritten ist zudem, was das Argument über die soziale Natur der Sprache besagt. Der Streit darüber begann 1954. Norman Malcolm vertrat die sogenannte Gemeinschaftsdeutung: Sprache sei ihrem Wesen nach an eine Gemeinschaft gebunden. Gordon Baker und Peter Hacker lehnten diese Deutung ab. Strittig ist dabei vor allem ein Robinson, der von Geburt an allein lebt und sich ein eigenes Zeichensystem schafft.

Kripkes skeptische Lösung

Eine eigene Debatte löste Saul Kripke 1982 mit dem Buch Wittgenstein on Rules and Private Language aus. Kripke stellt das Paradox aus §201 in den Mittelpunkt: Keine Regel lege eine Handlungsweise fest, weil sich jede Handlungsweise mit ihr in Einklang bringen lasse. Er veranschaulicht das an einer erfundenen Rechenart „quus“. Sie stimmt mit der Addition überein, solange beide Zahlen kleiner als 57 sind, und liefert sonst stets 5. Keine Tatsache über den Sprecher, so Kripke, entscheide, ob er bisher „plus“ oder „quus“ gemeint habe.

Die Antwort nennt Kripke in Anlehnung an David Hume eine skeptische Lösung. Statt nach Wahrheitsbedingungen fragt sie danach, wann eine Bedeutungszuschreibung berechtigt behauptet werden darf. Maßstab ist die Übereinstimmung mit einer Sprachgemeinschaft. Ein Einzelner, isoliert betrachtet, hätte nur sein eigenes Gefühl der Sicherheit. Für ihn wäre richtig, was ihm richtig scheint. Die Unmöglichkeit einer Privatsprache folgt so unmittelbar aus der Lösung (siehe Regelfolgen).

Kripke räumte selbst ein, er gebe das Argument so wieder, wie es sich ihm darstellte. Kritiker, die seine Deutung für untreu halten, sprechen von „Kripkenstein“. Baker und Hacker hielten seine Deutung für verfehlt und lehnten die Gemeinschaftsthese ab. Simon Blackburn wandte ein, dasselbe Problem stelle sich auch für eine Gemeinschaft: Für sie wäre ebenso richtig, was ihr richtig erscheint. Die Candlish-Wrisley-Darstellung der SEP wirft Kripke vor, auf Annahmen zu bauen, die Wittgenstein gerade kritisiert.

Bedeutung für Erkenntnistheorie und Philosophie des Geistes

Nach Candlish und Wrisley verlassen sich große Teile der Erkenntnistheorie und der Philosophie des Geistes stillschweigend auf die Möglichkeit einer Privatsprache. Das reicht von René Descartes bis zu repräsentationalen Theorien des Geistes im späten 20. Jahrhundert. Descartes etwa hält es für möglich, die eigenen Erlebnisse sicher zu bestimmen, während er an der Außenwelt noch zweifelt.

Ein zweites Ziel ist die Auffassung, Wörter stünden zunächst für Vorstellungen im Kopf des Sprechers. John Locke vertrat sie im Essay Concerning Human Understanding. Jerry Fodor griff sie in den 1970er Jahren mit seiner „Sprache des Geistes“ wieder auf und versuchte zu zeigen, dass Wittgensteins Einwand sie nicht trifft. Auch das Problem des Fremdpsychischen setzt voraus, dass man Empfindungswörter zunächst nur am eigenen Fall versteht. John Stuart Mill gehört zu den Philosophen, die es so formuliert haben.

Das Argument zielt weniger auf einzelne Lehren als auf die Denkweise dahinter. Wer es akzeptiert, kann die Bedeutung von Empfindungswörtern nicht mehr an inneren Gegenständen festmachen. Damit berührt es Grundfragen wie das Leib-Seele-Problem, das Bewusstsein und die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke.

Verwandte Themen

  • Regelfolgen
  • Bedeutung
  • Bewusstsein
  • Sprachphilosophie
  • Analytische Philosophie
  • Skeptizismus

Quellen

  1. Stewart Candlish, George Wrisley: „Private Language“. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2019. https://plato.stanford.edu/entries/private-language/
  2. „Private language argument“. In: Wikipedia, abgerufen am 14.10.2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Private_language_argument
  3. „Philosophische Untersuchungen“. In: Wikipedia, abgerufen am 14.10.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Untersuchungen
  4. Ali Hossein Khani: „Kripke’s Wittgenstein“. In: Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen am 14.10.2026. https://iep.utm.edu/kripkes-wittgenstein/
  5. Duncan J. Richter: „Ludwig Wittgenstein“. In: Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen am 14.10.2026. https://iep.utm.edu/wittgens/
  6. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, 1953. Volltext im Ludwig Wittgenstein Project, abgerufen am 14.10.2026. https://www.wittgensteinproject.org/w/index.php/Philosophische_Untersuchungen

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