Person · Gegenwart
Richard McKay Rorty
geboren 1931 · gestorben 2007 · New York City
Richard McKay Rorty (1931–2007) war ein US-amerikanischer Philosoph und Hauptvertreter des Neopragmatismus. Er kritisierte die Repräsentationstheorie der Erkenntnis und entwarf mit der liberalen Ironikerin eine Solidaritätsethik ohne metaphysische Letztbegründung.
Akademische Stationen und intellektuelle Wende
Richard McKay Rorty studierte ab 1946 an der University of Chicago im Hutchins-Programm, erwarb dort Bachelor (1949) und Master (1952) und promovierte 1956 an der Yale University bei Paul Weiss. Nach Lehrjahren am Wellesley College (1958–1961) wurde er 1961 nach Princeton berufen, wo er bis 1982 als Professor für Philosophie zur klassisch-analytischen Schule gehörte. Der Wechsel an die [[University of Virginia]] (1982–1998, Kenan Professor of Humanities) und schließlich nach Stanford (1998–2007, Professor of Comparative Literature) markiert auch institutionell seine Distanzierung von der analytischen Philosophie. Rorty starb am 8. Juni 2007 in Palo Alto an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Anti-Repräsentationalismus und der "Spiegel der Natur"
Sein Hauptwerk Philosophy and the Mirror of Nature (1979, dt. Der Spiegel der Natur, 1981) führt drei Argumentationslinien der analytischen Philosophie zusammen — Willard Van Orman [[Quine]]s Kritik der Unterscheidung von analytisch und synthetisch, Wilfrid [[Sellars]]' Angriff auf den "Mythos des Gegebenen" und Donald [[Davidson]]s Verabschiedung des Schemas/Inhalt-Dualismus — und richtet sie gegen die seit Descartes und Kant tragende Metapher, der Geist sei ein "Spiegel der Natur". Erkenntnis gilt seither als akkurate Repräsentation einer geistunabhängigen Wirklichkeit; Erkenntnistheorie als Disziplin, die Repräsentationsleistungen prüft. Rorty hält dieses Bild für historisch kontingent und sachlich verfehlt: Wahrheit lasse sich nicht als Korrespondenz zwischen Sätzen und "der Welt selbst" denken, sondern nur als das, was sich innerhalb sozialer Praktiken pragmatisch bewährt. Er nennt diese Position "epistemologischen Behaviorismus".
Edifying versus systematic philosophy
Im Schlussteil von Mirror of Nature zieht Rorty eine Trennlinie zwischen "systematischer" und "edifying" (erbauender) Philosophie. Systematische Philosophen — Descartes, Kant, Russell — wollen definitive Antworten und Grundlegungen. Erbauende Philosophen — der späte Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger und John Dewey — verschieben Selbstverständlichkeiten, eröffnen neue Sprechweisen und lösen Probleme nicht, sondern lassen sie hinter sich. Rorty rechnet sich der zweiten Linie zu und liest sie als Wiederaufnahme des klassischen US-Pragmatismus von Dewey und William James.
Liberale Ironikerin und Solidarität ohne Fundament
In Contingency, Irony, and Solidarity (1989, dt. Kontingenz, Ironie und Solidarität) entwirft Rorty die Figur der "liberalen Ironikerin": Sie weiß, dass ihr "final vocabulary" — die letzten Begriffe, in denen sie ihr Leben deutet — kontingent ist und in keiner natur- oder vernunftgegebenen Ordnung verankert. Zugleich engagiert sie sich gerade deshalb leidenschaftlich gegen Grausamkeit und für demokratische Institutionen. Methodisch trennt Rorty private Selbstgestaltung (Modell: Nietzsche, Proust) und öffentliche Solidarität (Modell: John Stuart Mill, Dewey) als unvermittelbare Sphären. Solidarität braucht keine metaphysische Begründung in einer geteilten Menschennatur; sie wächst durch Erweiterung des "Wir" mittels literarischer und politischer Beschreibungen leidender Anderer.
Politisches Spätwerk und Wirkung
Achieving Our Country (1998) richtet sich gegen einen rein kulturkritischen Linken-Diskurs an US-Universitäten und plädiert für einen reform-pragmatischen Patriotismus in der Tradition von Walt Whitman und Dewey. Eine später vielzitierte Passage warnt vor populistisch-autoritären Reaktionen, falls die Linke das Feld ökonomischer Verteilungsfragen räume. Rortys neopragmatistisches Programm löste eine Pragmatismus-Renaissance aus und führte zu intensiven Auseinandersetzungen, unter anderem mit Jürgen Habermas, der sich in dem Aufsatz "Richard Rortys pragmatische Wende" (1996) und in den Studien des Bandes Wahrheit und Rechtfertigung (1999) intensiv mit Rortys Wahrheits- und Rationalitätsbegriff auseinandersetzte; Rortys Antworten auf diese Kritik sind in Mike Sandbothes Sammelband Die Renaissance des Pragmatismus (2000) dokumentiert. Daneben warf Susan Haack — etwa in den Aufsätzen "Vulgar Pragmatism" (1997) und in Manifesto of a Passionate Moderate (1998) — Rorty vor, den klassischen Pragmatismus von Peirce und Dewey zugunsten relativistischer Lesarten zu verraten. Zu den einflussreichsten Interlocutoren und philosophischen Erben gehören Robert Brandom (University of Pittsburgh), Herausgeber des Sammelbands Rorty and His Critics (Blackwell 2000), sowie Bjørn Ramberg, der die Donald-Davidson-Linie in Rortys Spätwerk fortschreibt.
Wichtige Werke
- Philosophy and the Mirror of Nature (1979, Princeton University Press)
- Consequences of Pragmatism (1982)
- Contingency, Irony, and Solidarity (1989, Cambridge University Press)
- Essays on Heidegger and Others (Philosophical Papers Vol. 2, 1991)
- Achieving Our Country (1998, Harvard University Press)
- Philosophy and Social Hope (1999)
Verwandte Seiten
- Ludwig Wittgenstein
- Martin Heidegger
- John Dewey
- William James
- Pragmatismus
- Analytische Philosophie
Quellen
- Bjørn Ramberg und Susan Dieleman, "Richard Rorty", Stanford Encyclopedia of Philosophy, erstveröffentlicht 2001, substanziell überarbeitet 22. Juni 2023. https://plato.stanford.edu/entries/rorty/ (SEP)
- Edward Grippe, "Richard Rorty (1931–2007)", Internet Encyclopedia of Philosophy. https://iep.utm.edu/rorty/ (IEP)
- "Richard Rorty", Wikipedia (deutsche Ausgabe), abgerufen 29.05.2026. https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Rorty (Wikipedia DE)
- "Richard Rorty", Wikipedia (englische Ausgabe), abgerufen 29.05.2026. https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Rorty (Wikipedia EN)
- Brian Duignan, "Richard Rorty — American philosopher", Encyclopædia Britannica. https://www.britannica.com/biography/Richard-Rorty (Britannica)
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